Alternativen in der Praxis

Seit 15 Jahren bauen wir auf unserem Hof alte Getreidesorten an, zunächst auf kleinen Flächen, um zu sehen, wie die Sorte sich unter den Bedingungen des Hofes entwickelt, später dann auf grösseren Flächen, wenn uns eine Sorte gefällt und sich hier wohlfühlt. Das meiste Getreide dient unserer eigenen Versorgung, ein Teil geht an handwerkliche Bäcker in der Umgebung. Im Vergleich mit den kommerziellen Sorten, die wir vorher angebaut haben, kommen wir mit einigen alten Sorten hier ohne Kunstdünger und Spritzmittel sehr gut zurecht. Sie sind wüchsig und unterdrücken das Unkraut, sie sind anspruchsloser und bekömmlicher. Natürlich haben sie auch Nachteile, wie zum Beispiel, dass sie mehr Zeit brauchen, um auszureifen, dass sie widerspenstige Borsten (Grannen) haben, dass sie höher wachsen, als moderne Sorten, aber diese Nachteile in einer sehr mechanisierten Landwirtschaft sind auch Vorteile für die Qualität des Getreides.

- Jürgen Holzapfel, Getreidebauer auf dem Hof Ulenkrug, Mecklenbug-Vorpommern

Der Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg e.V. (VERN) fördert die On-farm Erhaltung alter und seltener Kulturpflanzen, bei der diese wirtschaftlich genutzt und auf diese Weise erhalten werden. Alte Sorten, d. h. nach dem Saatgutverkehrsgesetz nicht, bzw. nicht mehr zugelassene Sorten können in der Regel nicht alle aktuellen Leistungskriterien für den gewerblichen Anbau erfüllen. Sie zeichnen sich aber häufig durch andere positive Eigenschaften aus, wie besondere Formen, Farben oder Geschmack.
Der VERN vermehrte Kleinproben aus der Genbank Gatersleben im Greiffenberger Schaugarten. Diese wurden gesichtet und beschrieben. Es folgten Anbauprüfungen in größeren Parzellen, Qualitätsprüfungen und gegebenenfalls Feldvermehrungen. Geeignete Sorten wurden vereinsintern an Landwirte weitergegeben und eine Erhaltungszucht aufgebaut.
Etwa 150 geprüfte Muster stehen im Vereinsnetzwerk des VERN zur Verfügung. In Brandenburg und angrenzenden Gebieten baut ein Netzwerk von ca. 70 Landwirten alte Getreideherkünfte an. Schwerpunkt stellen Winterroggen (dabei v.a. „Norddeutscher Champagnerroggen“), verschiedene Winter- und Sommerweizensorten („Schlanstedter“, „Galizischer Grannen“, „Pommerscher Dickkopf“, „Criewener“ Winterweizen), alte regionale Haferherkünfte wie „Heidegold“ und „Vienauer“, sowie zunehmend brautaugliche Sommergersten wie Imperialgerstenformen (Hordeum erectum) und Chevaliergersten. Alte Sorten sind für den Anbau auf armen Standorten geeignet. So ist „Champagnerroggen“ modernen Roggensorten auf Standorten mit Ackerzahlen von 15 bis 30 gleichrangig.
Die Ernte aus der On-farm Erhaltung wird als Futtergetreide oder für Backwaren in handwerklicher Verarbeitung verwertet, z. B. als „Champagnerroggenbrot“. Allerdings besteht Bedarf, die Verwertungs-, Verarbeitungs- und Vermarktungsmöglichkeiten zu verbessern. Die Saatguterzeugung erfolgt vereinsintern durch spezialisierte, besonders geschulte und technisch entsprechend ausgestattete Landwirte.
Weiterhin wurden der „Norddeutsche Champagnerroggen“ und zwei Hafersorten vom VERN als Erhaltungssorten angemeldet und sind seit 2013 zugelassen.
Gegenwärtig hat der VERN ein Sortiment von ca. 800 Herkünften Getreide und führt seit 2015 wieder regelmäßige Treffen der Anbauer, Verarbeiter, Interessenten u.a. zur Getreidearbeit durch.

- Cornelia Lehmann und Rudi Vögele,
Verein zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg e. V. (VERN e. V.)